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E S S E N Z

Von der Geburt meines Kindes


Wie versprochen schreibe ich über die Geburt meines, unseres Kindes. Es hat mich einige Monate gekostet, bis ich bereit dazu war, das Ganze zu teilen, weil ich diese wundervolle Erfahrung irgendwie ganz für mich behalten wollte, immer und immer wieder daran denken und sie fühlen musste und diese Kraft, die mir diese Erfahrung schenkt in vollen Zügen auskosten und genießen wollte.

Ich werde nicht darüber schreiben wie lange die Geburt unseres Kindes gedauert hat oder irgendwelche anderen Angaben zu Raum und Zeit machen, weil diese Informationen nicht relevant sind und solche "Hardfacts" nur zu dazu führen sich selbst und die eigene Erfahrung damit zu vergleichen oder Erwartungen an sich selbst und die eigene Erfahrung zu kreieren.

Ich werde über meine Gedanken, meine Gefühle und meine ganz eigene Wahrnehmung schreiben, um euch tollen Frauen*/Männern/Paaren da draussen einen Einblick zu geben, in meine Wahrnehmung dieser außergewöhnlichen Erfahrung, Mut zu machen und vielleicht der*m ein oder Anderen eine Riesenportion Vorfreude mit auf dem Weg zu geben.


Mein Kind ist ein Geschenk. Die Geburt meines Kindes ist ein Geschenk. Diese Erfahrung an jenem Tag im Dezember ist wohl die bisher eindrücklichste, wunderschönste, wertvollste Erfahrung meines Lebens.


Die letzte Zeit meiner Schwangerschaft war keine einfache Zeit für mich. Die Vorfreude auf die Geburt und unser Kind endlich kennenlernen zu dürfen war riesengroß. Diese Vorfreude hatte sich für mich mit einem Gefühl von Ungeduld und "keine Lust mehr schwanger zu sein" gepaart. So war jene Zeit vor der Geburt keine leichte für mich. Ich versuchte daran zu arbeiten, mich abzulenken, mich zu entspannen, loszulassen und noch so viel mehr und doch half mir nichts davon mich nur ansatzweise in den "Modus" Geburt zu begeben. Wie denn auch; wann, wie und wo es losgehen sollte, hatte ich natürlich nicht in der Hand, das sollte ich doch eigentlich als Hebamme wissen. Aber in jener letzten Zeit meiner Schwangerschaft hatte ich mich immer mehr von meinem "Hebammenverstand" entfernt, hin zu meiner Intuition und "naivem" Bewusstsein. Meine Vorfreude auf das Erlebnis Geburt war einfach sooo groß und ich wollte mit meinem ganzen Selbst, dass es doch endlich losging.


In dieser Zeit habe ich viel daran gedacht, ob eine Geburt wirklich selbstbestimmt sein kann. "Selbstbestimmt", wohl DAS Wort, das Gefühl, von dem so viele Gebärende träumen; das sich unzählige Frauen*, Partner*innen, Hebammen... wünschen. Doch kann eine Geburt wirklich selbstbestimmt sein? Bestimmt denn nicht das Kind so unendlich viel, wenn wir es zulassen?


Für "richtige" Wehen war ich auf jeden Fall viel zu angespannt und irgendwann steckte ich so sehr in einer Krise, dass ich in meinen (für meinen Mann oft gar nicht so einfachen ;) Trotzmodus geschalten habe und dachte: OK, dann will ich gar nicht mehr.

Wann gings los? Natürlich genau dann...


Meine Fruchtblase platzte. Und es war wundervoll. Endlich! hatte ich diese Gewissheit, dass ich mit jeder Sekunde, mit jeder Minute und Stunde die verstrich, jenem magischen, einzigartigen Erlebnis näher kam - dem Moment des "zur Welt Kommens" meines, unseres Kindes.

Mein Trotz war mit dem Plopp des Blasensprunges verschwunden und ich dachte nur: " Yes Baby!! Jetzt gehts los!", legte einen Freudentanz ein und machte mich auf die Suche nach diesen riesigen Vorlagen alias Surfbrettern, die ich mir zurecht gelegt hatte.


"So fühlt sich das also an, wenn ständig Fruchtwasser wegrinnt", dachte ich mir. Einer von ganz vielen "Aha-Momenten" für mich und ich fand es so spannend, was nun mit meinem Körper passieren würde, was mein Baby machen würde.


Ich verband mich intuitiv mit meinem Baby. Was ich in der Schwangerschaft schon unzählige Male getan hatte, beim Yoga, zu Hause, in der Badewanne... war meine Form von Geburtsvorbereitung gewesen.

Ich spürte, ich WUSSTE, dass es unserem Baby gut ging, zu jeder Zeit, in jeder Wehe, in jeder Pause. Dieses Gefühl war in mir fest verankert und gab mir enorme Sicherheit. Dieses Gefühl gab mir so viel Selbstvertrauen, Energie und Kraft für alles was kam. Dieses Gefühl war meine Essenz für die Geburt unseres Kindes.

Das Gefühl haben zu dürfen, dass es meinem Baby gut ging; dass alles gut war, so wie es war; dass wir beide gemeinsam, genau richtig gearbeitet haben, wie wir gearbeitet hatten, macht für mich meine Geburtserfahrung so, so unglaublich wertvoll. Dieses Gefühl haben zu dürfen ist nämlich alles andere als selbstverständlich. Dieses Gefühl haben zu dürfen lässt mich einfach nur eines sein, unendlich dankbar.


In der Geburtshilfe sprechen wir ganz oft vom "Bauchgefühl". Das "Bauchgefühl" einer Hebamme, zählt in bestimmten Situationen fast genauso viel wie ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Empathie, ihre Einschätzung der Situation. Ich meine nun verstanden zu haben, was jenes so "heilige" Bauchgefühl der Hebammen ausmacht - das Gefühl der Frau, für ihr Kind. DAS Gefühl, die Essenz - jenes intuitive Wissen, ob es ihrem Baby im Bauch gut gehe oder nicht. Ein Gefühl, das so oft von medizinischen Geräten, von Fachmeinungen anderer, vom mangelndem Selbstvertrauen der Frau oder ihrer Überwältigung..., von so unterschiedlichen und unendlich vielen Faktoren verschleiert wird. Das Gefühl, die Essenz, die aber doch immer da ist und gefühlt, ja gespürt wird, von der Frau selbst und vielleicht sogar von ihrer Hebamme, die es dann als "Bauchgefühl" wahrnimmt. Ein Bauchgefühl im wortwörtlichen Sinn also: das Gefühl, ob in jenem Bauch wohl alles Ok ist.


Die Wehen kamen und gingen. Ich genoss die Pausen. Ich veratmete die Wellen. Ich konzentrierte mich auf meine Essenz. Ich war ganz und vollkommen im Jetzt. Ganz und vollkommen im Moment. Es war für mich die bisher größte Meditationserfahrung, vollkommen zu Sein. Vollkommen das Jetzt zu leben. Alles rund um mich zu vergessen. Alles, wirklich alles auszublenden. Ich genoss das Jetzt. Ich genoss jede Pause und vor allem genoss ich dieses Gefühl für mein Baby.

Es gab Momente, in denen ich mich so sehr freute, dass wir unser Baby bald kennenlernen würden. Momente in denen kurz nicht im Jetzt war, kurz in die Zukunft blickte. Momente, in denen ich merkte, dass diese Arbeit, die mein Baby und ich leisteten ganz schön krass war. Dass jene Wehen ja gar nicht so angenehm waren. Dass es uns wahrscheinlich noch viel Arbeit und Zeit kosten würde, einander kennenzulernen. Ich versuchte mich also wieder mit meinem Baby zu verbinden, mit meinem Körper zu verbinden. Zu atmen. Auf mein Gefühl zu horchen. In meinen Körper zu spüren - und wusste, dass es gut war, so wie es war.


Irgendwann hatte ich das Gefühl " Ich kann nicht mehr". Es fühlte sich schwer und real an. "Ich kann nicht mehr, es geht nicht.", Ich sprach es laut aus und als ich mich selbst hörte dachte ich: "Ich kann nicht mehr?!?, oh wow, dann kann es nicht mehr weit sein" Mein gutes Gefühl, meine Essenz, war nach wie vor unerschütterlich da und ich erlebte erneut einen für mich magischen "Aha-Moment" - so fühlt sich das also an. Und es fühlt sich wirklich so an: als wäre kein Bisschen Energie mehr in meinem Körper. Als hätte ich keine Kraft mehr. Als würde ich es nicht schaffen.

Als ich mir dann aber selbst sagte, dass es nun nicht mehr weit sein würde, so wie ich es unzählig vielen Paaren in meinen Geburtsvorbereitungskursen mit auf den Weg gegeben hatte, kam neue Energie und "Ich kann nicht mehr" verschwand so schnell wie es gekommen war.


Demut. Ich verneige mich vor mir selbst und meiner Kraft, die ich in der letzten Phase der Geburt aus mir selbst hervorgebracht habe. Ich empfinde Demut für meinen Körper und meine Seele. Demut und Stolz fühle ich, wenn ich an jene letzte Phase der Geburt denke. Diese fast elektrisierende Energie, diese unendliche Kraft zu spüren und wahrnehmen zu dürfen, verwandeln zu dürfen, in die Kraft mein Baby zu unterstützen auf die Welt zu kommen, ist überwältigend.

Es Bedarf Ausdauer und Ehrgeiz, es Bedarf unendliche Kraft und vor allem bedarf es Zuspruch. Zuspruch von meinem Mann, der meine Heimat ist. Ohne den ich niemals in meine Kraft gekommen wäre. Der "einfach" DA war und das alles war, was ich gebraucht habe.

Zuspruch von meiner Hebamme, die mich in jedem Moment aufgefangen hat, die mich angefeuert hat, gelobt hat und mich unterstützt hat vollkommen zu SEIN, mich vollkommen einzulassen und vollkommen loszulassen.

Ich spürte weiterhin, dass es meinem Baby gut ging. Hatte weiterhin dieses essentielle, positive Gefühl, auch wenn die Herztöne meines, unseres Kindes auf dem Papier des CTG-Geräts etwas ganz anderes zeigten. Ich ging nochmal ganz bewusst in die Tiefe meines Körpers, spürte noch einmal ganz bewusst hin und merkte; mein gutes Gefühl war unerschütterlich, meinem Baby ging es gut. Voller Kraft und Energie kam unser Kind dann, nach einigen, wenigen Wehen zur Welt.

Mein Herz war geboren. Mein Herz wurde aufgefangen von den Händen meiner guten Freundin und Hebamme. Mein Herz war da. Klein und ganz glitschig; rosig und schrie. Die Essenz meiner Kraft war wahr. Die Essenz meiner Energie unter der Geburt, dieses Gefühl war genau richtig, war gut so wie es war.

Der erste Atemzug meines Kindes. Der erste Augenblick meines Kindes auf dieser Erde.

Ich finde keine Worte für dieses Gefühl. Es gibt keine Worte, dieses Gefühl beschreiben zu können. Es ist ALLES, dieses Gefühl.



Ich liebe dich mein Kind. Ich bin so stolz auf dich. Ich bin so stolz auf mich. Ich bin so unendlich dankbar und stolz, dass ich deine Mama sein darf. Ich bin so unendlich dankbar und stolz, wer ich geworden bin durch den Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Ich bin so unendlich dankbar und stolz, wer ich sein darf auf dem Weg, den ich mit dir gehen darf.









*Das Gender-Sternchen (*) dient als Verweis auf den Konstruktionscharakter von "Geschlecht". Das Sternchen hinter "Frauen" soll verdeutlichen, dass es sich auf alle Personen bezieht, die sich unter der Bezeichnung "Frau" definieren, definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen.






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